„Man geht mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt Inhaber Bernd Michel. Und doch ist es ein Abschied, der unausweichlich geworden ist. Denn die Geschichte dieses Hauses reicht weit zurück – weiter, als es selbst die Familie heute noch exakt beziffern kann. „Ferdinand Graner war mein Urgroßvater, der hat das hier gegründet“, erzählt Michel. Ein Foto aus dem frühen 20. Jahrhundert belegt zumindest: Die Metzgerei existierte damals bereits. „Das sind über 100 Jahre – wahrscheinlich sogar noch länger“, sagt er und blickt auf das, was über Generationen gewachsen ist.
Über Jahrzehnte blieb der Betrieb in Familienhand, weitergegeben von Generation zu Generation. „Dann kam mein Opa Karl, danach meine Oma Auguste“, erinnert sich Michel. 1950 heiratete sein Vater August in die Familie ein – aus Graner wurde Michel. „Und 1979 habe ich dann übernommen. Erster Mai – das vergisst man nicht. Das sind jetzt 47 Jahre.“
Mit der Schließung endet auch ein Stück Ortsgeschichte – und die letzte Metzgerei im Ort. Die Metzgerei war über Jahrzehnte fester Bestandteil des täglichen Lebens im Ort – ein Treffpunkt, eine Konstante, ein Stück Verlässlichkeit im Wandel der Zeit.
Ein halbes Leben hinter der Theke und in der Wurstküche – und vor allem mitten im Dorf. „Ich bin hier praktisch reingewachsen“, sagt Michel. Schon als Kind habe er die Schlachterei erlebt, bis 1988 wurde noch selbst geschlachtet. „Das war einfach unser Alltag.“
Heute ist dieser Alltag Vergangenheit. Nicht, weil die Leidenschaft fehlt – sondern weil die Belastung zu groß geworden ist. „Ich würde es wieder machen“, sagt er ehrlich. „Wenn ich fünfzig wäre, hätte ich noch zwanzig Jahre gemacht.“ Doch die Realität sieht anders aus.
Auch seine Frau Martina, seit Jahrzehnten an seiner Seite im Betrieb, blickt mit gemischten Gefühlen auf den Abschied. „Wir haben das immer zusammen gemacht“, sagt sie. Sechs Tage die Woche, oft ab früh morgens. „Das ist kein normaler Job, das ist dein Leben.“
Und genau dieses Leben hat Spuren hinterlassen – in Arbeit, in Menschen, in Geschichten. Besonders in der Belegschaft. „Thomas Spiegel ist seit 45 Jahren bei uns“, sagt Michel stolz. „Er hat uns nie im Stich gelassen.“ Auch viele Angestellte seien über viele Jahre geblieben. „Das ist heute nicht mehr selbstverständlich.“
Auch die Kundschaft hat sich über die Jahrzehnte verändert – und doch ist ihr die Metzgerei treu geblieben. „Viele kommen seit Generationen“, sagt Michel. „Die Kinder spielen heute noch mit der gleichen Klickerbahn wie früher ihre Eltern.“ Es sind diese kleinen Bilder, die zeigen, wie tief der Laden im Ort verwurzelt ist.
Mit dem nahenden Ende wächst bei vielen auch die Emotion. Stammkunden kommen ein letztes Mal bewusst vorbei, sagen Danke, bringen kleine Abschiedsworte mit. „Das ist für viele wirklich ein Einschnitt“, sagt Michel.
„Da merkt man erst, was das hier eigentlich für die Leute bedeutet hat“, sagt er. Es seien nicht nur Einkäufe gewesen, sondern über Jahrzehnte gewachsene Beziehungen. Stammkunden, die man beim Namen kennt, Gespräche, die weit über das Geschäft hinausgingen.
Immer wieder komme echte Dankbarkeit zurück. „Viele sagen einfach nur: Danke“, erzählt Michel. „Und genau das bleibt hängen.“ Denn am Ende war die Metzgerei für viele mehr als ein Laden – sie war Treffpunkt, Routine, ein Stück Zuhause im Alltag.
Dass es keine Nachfolge geben wird, ist deshalb für viele ein schmerzlicher Einschnitt. „Wir haben gar nicht aktiv gesucht“, sagt Michel. Zu groß seien Aufwand und Investitionen gewesen. Die Räume im Haus bleiben zwar in Familienbesitz, was daraus wird, ist offen.
Und wenn der letzte Tag kommt? Michel überlegt kurz. „Dann wird das komisch“, sagt er. Mit Blick auf die Tage danach sagt Michel: „Man steht morgens auf, trinkt Kaffee – und dann ist einfach Feierabend. Da muss man sich erst einmal dran gewöhnen“
Nach fast fünf Jahrzehnten Betrieb ist das kaum vorstellbar. „Sechs Tage die Woche, oft auch sonntags bei Festen – das prägt dich“, sagt er. Und doch überwiegt am Ende nicht die Trauer, sondern die Dankbarkeit. „Ich habe keine Sekunde bereut“, sagt Michel. „Wenn ich noch einmal anfangen würde, würde ich es genauso machen.“ Vielleicht manches anders – aber Metzger, das war immer sein Leben.
Und so endet in Eichenzell nicht nur ein Laden. Sondern ein Stück Handwerk, eine Familie – und ein Stück Ortsgeschichte, das nicht zurückkommt.
Info:
Alle Gutscheine müssen bis zum 27. Juni eingelöst werden
