Lokales 23.01.2026

Jahresempfang Eichenzell - Hesse: Können wir uns Kultur noch leisten?

Eichenzell (pn) – Der traditionelle Jahresempfang der Gemeinden Eichenzell fand am Donnerstagabend im Kultursaal des Schlösschens statt. Zahlreiche Gäste aus Politik, Wirtschaft, Ehrenamt und Gesellschaft waren der Einladung gefolgt, um sich die Entwicklungen der Gemeinde sowie spannenden Impulsen der Gastrednerin Elke Hesse, Intendantin der Bad Hersfelder Festspiele, über die Bedeutung der Priorisierung von Kultur, anzuhören. 

Von links: Johannes Rothmund, Tanja Hartdegen, Elke Hesse, Ingrid Fritsch und Michael Brand. Foto: Paula Nöllenheidt.

Eichenzells Bürgermeister Johannes Rothmund begrüßte die zahlreichen Gäste, darunter auch der Parlamentarische Staatssekretär Michael Brand und Landtagsabgeordnete Tanja Hartdegen, und nutze seine Rede für einen ausführlichen Rückblick auf das Jahr 2025 sowie einen Ausblick auf die kommenden Monate. Dabei ging er zunächst auf den noch nicht beschlossenen Haushaltsplan ein, dessen Beschluss durch neue Investitionsprogramme des Bundes verschoben worden sei. Er zeigte sich dankbar für die spürbare Verbesserung der kommunalen Haushalte, warnte aber auch vor einem „radikalen Sparkurs“, zu dem Kommunen gezwungen werde.

Politisch blickte Rothmund auf zwei Wahlen in Eichenzell zurück: Die Bundestagswahl im Februar habe mit einer Wahlbeteiligung von rund 70 Prozent ein positives Zeichen gesetzt. Die Bürgermeisterwahl hingegen sei von einer überraschend niedrigen Beteiligung geprägt gewesen, trotzdem dankte er seinem Herausforderer Lutz Köhler für einen „fairen Wahlkampf“. Besonders auf die zahlreichen Investitionen in die Zukunft der Gemeinde ging Rothmund ein: Dazu zählen die notwendige Kapazitätserweiterung der Kläranlage in Löschenrod sowie die umfassende Erweiterung des Bauhofs in Eichenzell. Positiv hob Rothmund die vollständige Verkehrsfreigabe des ersten neuen Teilbauwerks der Talbrücke Thalaubach hervor, bei der besonders Wert auf den Erhalt des Waldbestands gelegt worden sei. Auch zahlreiche Straßen- und Infrastrukturmaßnahmen, darunter auch drei neue Blitzeranlagen zur Verbesserung von Verkehrssicherheit und Lärmschutz, wurden vorgestellt. Deutliche Fortschritte gab es zudem beim Ausbau der Radwegeinfrastruktur, bei Lärmschutzmaßnahmen und im Bereich Wohnen, wobei Rothmund auf das nahezu vollständig bebaute Neubaugebiet Lütter sowie die abgeschlossene Erschließung des nördlichen Steinfelds in Eichenzell einging. Auch Klimaschutz, kommunale Wärmeplanung oder Stärkung der lokalen Wirtschaft kamen zur Sprache. Unter anderem nannte Rothmund das Rechenzentrum der Rhöncloud GmbH mit seinem nachhaltigen Energiekonzept als „Pilotcharakter“, die neue große Backhaus von Pappert sowie zahlreiche Projekte im Bereich Ehrenamt, Feuerwehr, Gesundheitsversorgung, Barrierefreiheit, Bildung und Kultur. Mit Blick auf das Ehrenamt würdigte er besonders den Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr Eichenzell-Büchenberg, die bei Waldbränden in Frankreich die Kollegen in Bordeaux unterstützt hatten. Zudem betonte er die Bedeutung von Kitas, Schulen und kulturellen Angeboten wie dem „Tag der Regionen“ oder das neu gewählte Jugendparlament für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

 

Hesse: Kultur schafft Orte der Begegnung

Im Mittelpunkt des Abends stand der Vortrag von Elke Hessen, neue Intendantin der Bad Hersfelder Festspiele. Sie stellte die Fragen: „Können wir uns Kultur noch leisten und wer übernimmt Verantwortung für kulturelle Gerechtigkeit?“. Die Fragen würden der Österreicherin immer häufiger begegnen, besonders dann, „wenn es finanziell eng wird.“ So schilderte sie ihren Werdegang von zahlreichen Projekten in Wien bis zu ihrer Rückkehr nach Bad Hersfeld und verdeutlichte dabei, wie essentiell die Kostenfrage im Kulturbereich sei. Sie erlebe oft, dass Kultur als Luxus angesehen werde. Dabei ließe sich Kultur nicht streichen, „ohne, dass das Fundament der Gesellschaft Schaden nimmt.“ Kultur schaffe Orte der Begegnung, des Austauschs und auch des Widerspruchs. Sie stifte Identität, halte Spannungen aus und bewahre Erbe genauso, wie sie Neues hervorbringe.  Zugleich sei Kultur als „Zukunftssektor“ ein echter wirtschaftlicher Faktor. Veranstaltungen hätten unmittelbare und langfristige positive Effekte für die Regionen und seien damit eine essentielle Standortfrage, gerade  jenseits der Metropolen. Ein zentrales Anliegen ihrer Intendanz sei die kulturelle Gerechtigkeit: „Der Zugang zu Kultur ist ungleich verteilt“, stellte Hesse fest. Es reiche nicht, Angebote zu machen, sondern Barrieren müssen aktiv abgebaut werden. So müsse Kultur Menschen aller sozialen Schichten und Altersgruppen erreichen und ein „gemeinsames Wir“ schaffen. Dadurch könne man es sich nicht leisten, Kultur finanziell nicht zu fördern, warnte sie. Denn ohne Kultur verarme der öffentliche Diskurs, der gesellschaftliche Zusammenhalt schrumpfe und letztendlich werde die Demokratie geschwächt.

Das Schlusswort sprach Ingrid Fritsch, Vorsitzende der Gemeindevertretung. Sie unterstrich die Verantwortung für Kultur in einer aufgeklärten Gesellschaft, wobei sie diese Verantwortung von Politik und Wirtschaft nicht ausreichend wahrgenommen sehe. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung brauche es Kultur als Fundament des gesellschaftlichen Zusammenlebens, unabhängig von Kosten oder Sprache. Auch Unternehmer trügen Verantwortung, da Arbeit nicht nur Existenzsicherung sei, sondern auch Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermögliche. Musikalisch umrahmt wurde der Abend von Frank Tischer und Markus Hillenbrand.

Eichenzeller Jahresempfang im Schlösschen. Fotos: Paula Nöllenheidt.