Lokales 16.10.2017

Inklusions-Vorzeigeprojekt „Herrenhaus“ in Eichenzell eingeweiht

Eichenzell – Von Svenja Müller – „Was lange währt, wird endlich gut“ – das Sprichwort passt ganz genau zum Eichenzeller „Herrenhaus“. Nach langer Bauphase konnte das umgebaute und frisch sanierte Gebäude am Sonntagvormittag endlich eingeweiht werden. Die Bewohner freuten sich bei herrlichem Sonnenschein zahlreiche Gäste vor und im Haus begrüßen zu können. Einmal mehr wurde vor Ort deutlich: In Eichenzell wird Inklusion aktiv gelebt.

Foto: Svenja Müller

Mit einem Strahlen im Gesicht standen die Bewohner, die bereits am 1. Oktober eingezogen sind vor dem Haus. Für die jungen Menschen mit Beeinträchtigung hat im Herrenhaus ein neuer Lebensabschnitt begonnen – mitten im Eichenzeller Ortskern sind sie nun zuhause, nehmen am gesellschaftlichen Leben teil und haben zugleich die Möglichkeit, völlig eigenständig und unabhängig von den Eltern zu leben. Das Herrenhaus ist eine Kooperation der Gemeinde Eichenzell, des Vereins „Leben und Arbeiten in Eichenzell“ und antonius – Netzwerk Mensch. Nachdem mit dem Umbau Ende Mai 2014 begonnen worden war, hatte es immer wieder Verzögerungen gegeben. Nun konnte die  Einweihung nach einem gemeinsamen Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Peter und Paul unter Mitgestaltung der Bewohner und der Mädchenschola Rothemann direkt vor dem Haus gefeiert werden. Familienangehörige, Eichenzeller Bürger und auch viele Menschen von außerhalb waren gekommen, um sich das Vorzeigeprojekt anzusehen und den Bewohnern einen guten Start in ihrem neuen Zuhause zu wünschen.

„Schön ist es geworden. Es ist aber die Nutzung, die besonders ist“, machte Landrat Bernd Woide deutlich. Der Landkreis hat das Projekt durch das Leader-Programm gefördert und auch der Landeswohlfahrtsverband hat einen Teil dazu beigetragen. „Das ganze Projekt könnte aber nicht eingeweiht werden, wenn es nicht das Engagement vor Ort gegeben hätte. Das zeigt, dass unsere Region auf einem guten Weg ist“, so Woide. 2010 hatte Erhard Kiszner, Vorsitzender vom Verein „Leben und Arbeiten in Eichenzell“, der selbst einen beeinträchtigten Sohn hat, die Idee für das Inklusionsprojekt. Nach einigen Gesprächen wurde dann der Verein gegründet. „Wir werden uns auch weiter zum Wohle unserer Kinder einsetzen“, sagte Kiszner mit Blick auf die Begegnungsstätte. Seine Kompetenzen und Ideen wollte wie Geschäftsführer Rainer Sippel erwähnte, das antonius – Netzwerk Mensch nach Eichenzell tragen. „Inklusion ist aber auch eine politische Aufgabe“, so Sippel. Antonius habe gerne die Trägerschaft übernommen. Stolz zeigte sich auch Eichenzells Bürgermeister Dieter Kolb: „Heute ist ein besonderer und sehr guter Tag für Eichenzell.“ Die Infrastruktur des Ortes sei um einen wichtigen Baustein erweitert worden. „Für mich ist das Wichtigste das Zusammenleben und das soll hier stattfinden und gefördert werden“, betonte Kolb. Er lobte vor allem den Verein „Leben und Arbeiten in Eichenzell“, der in den vergangenen sieben Jahren eine tolle Arbeit geleistet habe. „Jetzt sind wir alle aufgefordert, dass wir die Begegnungsstätte mit Leben füllen“, sagte Kolb.

Bei einem Rundgang hatten schließlich alle Gäste die Gelegenheit, das topmoderne und rundum sanierte Gebäude aus nächster Nähe zu betrachten. 17 Apartments für Menschen mit Behinderung sowie der Gewölbekeller als Begegnungsstätte wurden neu geschaffen. „Die Voraussetzungen für eine vielfältige Nutzung sind gegeben“, sagte Architekt Stephan Storch vom Architektenbüro Reith Wehner Storch. Während die Form, die Fassade und der Eingang gleich geblieben sind, wurde vor allem die Anordnung der Fenster unterschiedlich gestaltet. „Sie spiegeln die besonderen Bewohner wider. Jeder ist anders und jeder hat seine besonderen Talente“, so Storch. Die Kosten belaufen sich auf insgesamt 2,5 Millionen Euro. Wie Kolb erwähnte, habe die Gemeinde schon einige Ideen für die Nutzung des Gewölbekellers wie beispielsweise Buchlesungen, Weinproben oder auch Musikabende.

Als besondere Erinnerung wurde unter dem Motto „Inklusion zum Blühen bringen“ ein Bild aufgestellt, auf dem sich alle Gäste mit einem Fingerabdruck verewigen konnten. Wie Björn Bierent, Projektleiter Leben und Arbeiten in Eichenzell, erklärte, stehen die Wurzeln des Baumes für die Familien der Bewohner, der Stamm stehe für das Herrenhaus und das Herz als Symbol für das Herzblut, das alle in das Projekt gesteckt haben. „Jeder Zweig ist anders. Sie sind das Symbol für die Menschen, die eingezogen sind“, so Bierent. Zudem bekamen alle Bewohner einen „Eichenzeller Weckfresser“ überreicht. Weiterhin hatte Dennis Martin, Geschäftsführer der spotlight musicals GmbH, als Überraschung einen Spendenscheck in Höhe von 4000 Euro mitgebracht. Die Segnung nahmen Pfarrer Guido Pasenow und Lektorin Santra Heller-Schmitt gemeinsam vor.

Im Anschluss an den offiziellen Teil wurde gefeiert. Neben Musik von der Alphorngruppe „Die Siebenschläfer“ aus Geisa, dem Musikverein Lyra Kerzell und dem Shanty Chor Hainzell trugen auch die Flying Petticoats aus Nüsttal, Zauberer Martin Kimmel sowie Verwandlungskünstler Stefan Dietrich zur Unterhaltung bei. Außerdem gab es eine Feuerwehrvorführung sowie eine Hüpfburg und Kinderschminken. Auch an das leibliche Wohl war mit einem „Ochs am Spieß“, Kaffee und Kuchen sowie einer Cocktailbar bestens gedacht.